Ehrenamts-Aktion im Insektenbündnis Hannover e.V.

NABU-HVV pflanzt auf seiner Eigentumsfläche an der Möseke: Wiesenblumen regionaler Herkunft werten Zwerg-Zebu-Weide auf

Fotos: E. Grönhoff

 

Karola Herrmann, Carsten Böhm

 

 

Lange ist es dem NABU-HVV nicht mehr gelungen, neue Eigentumsflächen für den Naturschutz zu sichern. Ein Flurbereinigungsverfahren – u.a. aufgrund der Notwendigkeit, Ausgleichsflächen für Logistikzentren entlang der A2 zu schaffen – und die Unterstützung des Unterhaltungsverbandes Mittlere Leine haben es uns nun vor einiger Zeit ermöglicht, unsere Flächenkauf-Rücklagen für ein konkretes Projekt zur Verbesserung der Biodiversität und des Gewässerschutzes einzusetzen.

 

 

So konnten wir im Jahr 2018 4,2 ha Grünland an der Möseke in der Calenberger Lößbörde westlich von Hannover im Landschaftsschutzgebiet bei Ostermunzel kaufen. Die Fläche wird vom Umweltministerium nach Erfassung der Brutvögel in den Umweltkarten als landesweit bedeutsam geführt und im aktuellen Landschaftsprogramm des Landes Niedersachsen als landesweit wichtige Fläche für den Artenschutz/Vögel dargestellt. Außerdem ist die Fläche als kohlenstoffreicher Auenboden für den Klimaschutz besonders wichtig.

 

 

Die Möseke ist ein Fließgewässer 2. Ordnung. Sie entsteht durch den Zusammenfluss der Haferiede, die am Fuße des Gehrdener Berges entspringt, und des Kirchwehrener Bachs, dessen Quellen in der Niederung westlich des Benther Berges liegen. Damit liegt unsere Fläche auch in einer zentralen Biotop-Verbund-Achse.

 

 

Als Folge der großen Dürre hatte die Möseke ab August 2018 über fünf Jahre kein Wasser mehr geführt. Seit Februar 2024 führt sie nun wieder durchgehend klares Wasser und zeigt teils beachtliche Abflüsse. Die lichten Weiten der historischen Möseke-Brücken zeigen deutlich, dass eine beachtliche Wasserführung in der Vergangenheit die Regel war. Der treibhausgasbedingte Klimawandel sowie die Trinkwasserentnahme haben zum Trockenfallen geführt und große ökologische Schäden verursacht. Unter anderem sind die Fische der Möseke, die teils nicht in die Südaue abwandern konnten, qualvoll zugrunde gegangen.

 

 

Das war umso bedauerlicher, da der Unterhaltungsverband dort unter der Leitung seines Wasserbau-Ingenieurs Friedrich Hüper ein umfangreiches und fachlich sehr anspruchsvolles Revitalisierungsprojekt mit Schaffung von Retentionsraum umgesetzt hatte.

 

 

Dieses umfasste u. a.:

 

· Pflanzungen zur Wiederherstellung von prioritären Weichholz-Auwald-Lebensraumtypen auf mehr als einem Kilometer Länge,

 

· Einbringung seltener Baumarten, wie Holzapfel, Flatterulme, Feldulme, Schwarzpappel, Lorbeerweide,

 

· einseitige Böschungs-Abflachung,

 

·  Anlage von Feuchtbermen, Flutmulden und zwei Überflutungsbecken,

 

·  Einbau von Drosseln aus Gabionen mit Kiesbett,

 

· Verankerung von sog. „Wasserlenkern“ aus Baumstämmen, damit die Möseke bei Hochwasser auskolkt, Substrate sortieren und sukzessive gering mäandrieren kann.

 

 

Besonders vorbildlich ist, dass die Aue im gesetzlich festgesetzten Über-schwemmungsgebiet in die Gewässer-Revitalisierung mit einbezogen wurde und nun naturnahe Weideflächen in für Börde-Gebiete beachtlichen Dimensionen entwickelt werden. So hat die Möseke nicht nur den für derartige Gewässer leider oft noch üblichen schmalen Randstreifen, sondern stellt eine breite dreidimensionale langgestreckte Oase in der intensiv landwirtschaftlich genutzten Landschaft dar. Ein großes Glück auch für die Vogelwelt!

 

 

Zum Rasten und während des Zuges halten sich in dem Gebiet z.B. Braunkehlchen, Steinschmätzer u.a. andere Vogelarten auf. Etwa drei Brutpaare Rebhühner brüten regelmäßig, außerdem Goldammer, Feldlerche, Bluthänfling, Stieglitz und andere Offenlandarten. Kuckucke sind die gesamte Brutzeit über anwesend, Rotmilane brüten im benachbarten Feldgehölz. Turmfalken und Mäusebussarde nutzen die Flächen zur Jagd. Feldhasen leben dort.

 

 

Zwischenzeitlich hat die Möseke wiederholt im Rahmen der niedersachsenweiten Hochwasserereignisse bordvoll Wasser geführt, und alle angelegten Bauwerke entfalteten wunschgemäß ihre Wirkung. Auf unserer Eigentumsfläche uferte die Möseke seither drei Mal aus, was die Attraktivität für etliche Vogelarten nochmals erhöhte und im Grünland zur Entwicklung flutrasenartiger Vegetationsstrukturen führte.

 

 

Jetzt hat sie immer noch so viel Wasser, dass die Schwarz-Erlen, die damals auf die Bermen gepflanzt wurden, teils über Wochen umspült werden, was für die in der Dürre gewachsenen Bäume eine große Umstellung bedeutet.

 

 

Mittlerweile haben Biber die neue Pracht der revitalisierten Möseke erkundet und erste Weidenstämme gefällt. Zum Glück hat der Gehölz-Pflanzplan nicht nur Schwarz-Erlen, die der Biber meist verschmäht, sondern auch sehr viele Baum- und Strauch-Weidenarten unterschiedlichster Wuchsform, wie Silber-, Bruch-, Lorbeer-, Korb-, Mandel-, Purpur-, Grau- und Ohr-Weide, enthalten, die die Biber, genau wie die Schwarzpappeln, durch nährstoffreiche Rinde und üppigen Stockauschlag besonders gut ernähren können. Auch für Insekten stellen die Weidenarten mit Abstand die wertvollste Gehölzgattung dar.

 

 

Seit einigen Jahren wird unsere Fläche von einem Bioland-Landwirt aus Ostermunzel ganzjährig extensiv mit Zwerg-Zebus beweidet. Da wir die jährliche, mechanische Weidepflege auf maximal 50 % der Fläche beschränkt und jegliche Düngung vertraglich ausgeschlossen haben, verzichten wir auf eine Pacht und tragen die flächenbedingten Kosten aus der Vereinskasse.

 

 

So hat sich die Auenfläche erfreulich mosaikartig strukturiert entwickelt, mit Stauden- und Grasbülten sowie kurzen Weiderasen dazwischen, sie ist bislang allerdings stark verarmt an Blütenpflanzen. Die Autoren sahen darum die Chance, daran etwas zu ändern, da es innerhalb des Insektenbündnisses Hannover gelungen war, die Stadtgärtnerei für die Anzucht von regio-zertifizierten heimischen Wildstauden zu gewinnen. Diese Pflanzen werden zwar eigentlich nur für den Eigenbedarf der Landeshauptstadt Hannover produziert, aber die Mitgliedsorganisationen des Insektenbündnisses – also auch der NABU-HVV – dürfen sie erwerben.

 

 

Und so kam es, dass kurzfristig ein Pflanzeinsatz für den 18. November 2024 organisiert wurde, um das lebensraumtypische Arteninventar der Weidefläche wiederherzustellen. Wir haben gut 300 Pflanzen von 14 heimischen Arten im Sinne einer „Initialpflanzung“ gesetzt, z.B. Wiesenflockenblumen, Große Wiesenknöpfe, Wegwarte, Acker-Witwenblume, Hornklee, Rote Lichtnelke und Gewöhnliches Leimkraut.

 

 

Auf diese Weise erweiterten wir das Nahrungsangebot für unsere heimische Insektenfauna, das nicht nur aus Blüten, sondern insbesondere auch aus den grünen Pflanzenteilen besteht. Denn nicht nur Schmetterlingsraupen sind keine Blütenbesucher, sondern sie fressen je nach Art die Blätter spezieller heimischer Wildpflanzen, an die sie sich angepasst haben.

 

 

Auch die blütenbesuchenden Bienen, Hummeln und Schwebfliegen sind häufig auf einzelne Pflanzenfamilien spezialisiert, um Nektar und Pollen zu sammeln. Man muss sich immer bewusst machen, dass die Basis der Nahrungspyramide von heimischen Wildpflanzen gebildet wird, nicht nur von Kräutern und Stauden, sondern auch von Gehölzen. Diese sind in unserer intensiv genutzten Landschaft inzwischen vielfach selten geworden.

 

 

Daher ist es unglaublich wichtig, möglichst viele Trittstein-Biotope mit heimischen Wildpflanzen anzulegen und als Lebensraum-Verbund miteinander zu vernetzen. Jeder Quadratmeter zählt! In diesem Kontext war unsere Pflanzaktion eine ambitionierte Aktion zur Steigerung unserer Artenvielfalt in der Agrarlandschaft im Rahmen des Insektenbündnisses Hannover. Insbesondere handelt es sich um eine ungewöhnlich innovative Maßnahme, da Grünland in der Regel über Saat oder Mahdgut-Übertragung aufgewertet wird. Da ein Grünland-Umbruch und Neu-Aussaat aus verschiedenen Gründen für unseren Partner-Landwirt keine Wunsch-Variante war, haben wir die Alternative über nach Standort und Verteilung ausgeklügelte Initialpflanzung von vorgezogenen Stauden in eine aktive mit Zwerg-Zebus ganzjährig beweidete Auen-Fläche entwickelt.

 

 

Nun ist das weitere Monitoring besonders wichtig. Wir werden in unserem HVV-Info über die weitere Entwicklung dieses unserer Kenntnis nach weitgehend neuen Werkzeugs zum Grünland-Management berichten.

 

 

Es beteiligten sich 12 bis 15 Personen vom dem NABU-HVV und NABU Barsinghausen. Bei eisigem Wind und schönster Sonne haben wir hinterher noch Bettinas großartiges Picknick genossen. Der erwünschte Regen setzte praktischerweise erst am nächsten Tag ein, und so sind wir gespannt, wie sich die Pflanzen in den kommenden Vegetationsperioden etablieren und verbreiten werden.

 

Von A bis G – Fachbegriffe in diesem Artikel

Auskolken: Die Strömung spült tiefe Stellen aus, wenn das Gewässer mäandrieren kann.

Bordvoll: voll Wasser bis Oberkante Gewässerufer.

Feuchtberme/Berme: eine Sandbank im Bachbett, entweder trocken oder zeitweise überspült.

Flutrasen: spezielle Vegetation, die auch überspült werden kann und rasenartig kurz wächst bzw. abgefressen wird.

Gabione: mit Steinen gefüllter Drahtkorb, z.B. als Uferbefestigung

Gewässer 2. Ordnung: beschreibt die Größe und Bedeutung nach dem Nieder-sächsischen Wassergesetz (NWG) (Fluss – Bach – Graben usw.), s. Link.

Grasbülte: Grasbuckel, wenn das Gras dicken buckligen Horste oder Hügel bildet.

 

 

 eingestellt 26.1.2026